This just in: Nachrichten in den sozialen Medien

2016 haben die sozialen Netzwerke gedruckte Medien als Nachrichtenquelle überholt. Das bietet Chancen und birgt Gefahren.

Seit letztem Jahr ist das Internet in Deutschland die Nachrichtenquelle Nummer 3, nach Fernsehen und Radio, vor Zeitungen und Magazinen. Das sagt natürlich zunächst einiges aus über die Krise, in der sich die Printmedien befinden, zum anderen zeigt es aber auch, welchen Stellenwert das Internet in unserem täglichen Leben spielt. Eine besonders große Rolle kommt hierbei den sozialen Medien, vor allem in Form von Marktführer Facebook und Twitter, zu.


Der Vorteil liegt klar auf der Hand: schneller gelangt man nicht an Informationen. Durch den Newsfeed wird man informiert, selbst wenn man eigentlich nur auf der Suche nach neuen Katzenvideos war oder kurz gucken wollte, ob es in der Freundesgruppe neues zur Wochenendplanung gibt. Wo andere Medien außerdem zunächst in ihrer Reichweite begrenzt sind auf ihre direkten Zuschauer, Hörer oder Leser und abhängig davon, dass diese auch tatsächlich ihr Informationsangebot aktiv annehmen, bedingt die Share-Funktion der sozialen Medien, dass Inhalte direkt nach Veröffentlichung geteilt und somit verbreitet werden können und auch zu Menschen gelangen, die nicht direkt ein bestimmtes Medienangebot nutzen oder genutzt haben.

Soweit so gut. Schnelle Informationen sind erstmal eine schöne Sache. Die Möglichkeit theoretisch zu jeder Zeit Zugang zu Nachrichten zu haben ebenfalls.

Aber keine Entwicklung ohne Kinderkrankheiten. Wir versuchen an dieser Stelle die drei größten Problemstellen zu erklären.

Fake News

Spätestens im Nachgang der Präsidentschaftswahlen in den USA ist die Problematik der Fake News fester Bestandteil der öffentlichen Wahrnehmung geworden. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Wahlen in Deutschland werden Befürchtungen geäußert, dass absichtlich falsche Nachrichten die Meinung und dementsprechend das Wahlverhalten der Bürger beeinflussen könnten. Facebook weist zwar die Vorwürfe zurück, nach denen falsche Nachrichten letztendlich Donald Trump zum Sieg verholfen hätten, kündigte gleichzeitig aber an, entschieden gegen Fake News vorgehen zu wollen. Einfach wird das nicht.

Wie bei fast allem spielt nämlich auch hier in erster Linie der Faktor Geld eine bedeutende Rolle. Nutzer aus aller Herren Länder erfinden Nachrichten, die möglichst spannend und bahnbrechend sind, um Menschen zum Klicken zu bewegen und zugleich gerade noch so glaubwürdig, dass zumindest nicht jeder Nutzer sie sofort als Unsinn durchschaut. In einem aufgeheiztem Klima, in dem Menschen unversöhnlich und ungeduldig auf die nächste Geschichte warten, die den politischen Gegner in einem schlechten Licht erscheinen lässt, funktioniert dieses System natürlich besonders gut. Es gibt halt kaum etwas Schöneres, als ein triumphierendes „ich hab es ja schon immer gesagt“ in die Tasten zu hacken.


So kamen z.B. erfundene Nachrichten über Hillary Clintons Verstrickungen in einen Kinderpornoring oder Donald Trumps abfällige Aussage über den Intellekt der republikanischen Wähler in Umlauf und wurden geteilt, bis niemand mehr nachprüfen konnte (oder wollte) aus welcher Quelle sie ursprünglich stammten. Die durch die Klicks generierten Werbeeinnahmen floßen direkt in die Taschen der Verfasser, das politische Klima war noch vergifteter und der Ton der virtuellen Diskussionen geprägt von Aggression.

Zwar versucht Facebook hier nun durch verschiedene Maßnahmen entgegenzuwirken (externe Unternehmen, die den Wahrheitsgehalt einer Meldung prüfen, Kennzeichnung umstrittener Beiträge, Herabstufung im Ranking bei ausbleibender Interaktion und eine genauere Analyse der postenden Seiten), aber bei derart vielen Posts wird das schwierig. Gerade auch, da viele Beiträge nicht zwangsläufig falsch sind, sondern vielleicht Meinungen enthalten, die nicht alle User teilen oder möglicherweise auch nur Inhalte neutral wiedergeben, ohne das Verbreitete zu unterstützen.

Social Bots

Social Bots klingen erstmal nach einer dummen Idee, die unter keinen Umständen zu einem Faktor werden könnte. Stimmt leider nicht. Die Bots sind letztendlich künstlich geschaffene Profile in den sozialen Medien, hinter denen kein menschlicher Nutzer steckt. Trotzdem verschicken sie munter Freundschaftsanfragen, sammeln die Daten der Nutzer, die auf sie hereinfallen, posten unter politischen Beiträgen und verbreiten besonders häufig Fake News (s.o.). Um noch einmal auf den amerikanischen Wahlkampf zurückzukommen: rund ein Drittel der Follower Trumps und Clintons sind laut einer Oxford-Studie keine Menschen, sondern eben Bots.


Wer mit falschen Profilen den Dialog sucht, wird schnell merken, dass er es nicht mit einem Menschen zu tun hat. Die schiere Menge, der von Bots veröffentlichten Posts flutet dennoch die sozialen Netzwerke und verbreitet völlig ungeprüft Werbung, Hetze und Falschmeldungen.


Dadurch setzt oft ein gewisser Gewöhnungsprozess ein, denn wenn man etwas nur oft genug liest, bleibt eben auch etwas hängen. Völlig egal wie undurchsichtig oder schlicht falsch ein Beitrag ist.

„Hausgemachte“ Probleme

Das erfolgreichste soziale Netzwerk ist Facebook. Damit das auch so bleibt, tüftelt der Konzern an Algorithmen, die dafür sorgen, dass das Nutzererlebnis „menschlicher“ wird. Beiträge von Freunden werden aufgewertet und sollen deutlich häufiger im jeweiligen Newsfeed auftauchen. Das mag Sinn machen, eröffnet aber auch eine neue, gewaltige Baustelle.

Die Rechnung, die sich daraus ergibt, ist dann nämlich letztendlich ganz einfach: dadurch dass Facebook persönliche Interaktion in Form von Textbeiträgen und Bildern bevorzugen möchte, bleibt nicht mehr viel Platz für alles andere im Newsfeed. Unternehmen, Künstler, Vereine, Organisationen und eben auch Nachrichtenportale müssen mit insgesamt weniger Präsenz zurechtkommen. Bevorzugt und hervorgehoben wird dabei, was oder wer besonders viel Interaktion und Reaktion in Form von Klicks, Likes, Kommentaren oder geteiltem Inhalt generiert. Um im vollgepackten Newsfeed aufzufallen, heißt es knackig und krachend formulieren und bebildern. Das macht die Interaktion wahrscheinlicher. Der eigentliche Inhalt, die differenzierte Betrachtung, das Abwägen und im Zweifelsfall der Subtext bleiben auf der Strecke.

Bei Twitter läuft das ähnlich. Eine zielführende, gerechte und ausgewogene Betrachtung passt selten in 140 Zeichen, von denen einige auch noch für den passenden Hashtag draufgehen, der für eine günstige Positionierung obligatorisch ist. So hat der politische und soziale Diskurs mittlerweile meistens etwas sehr parolenhaftes und vor allem auch unversöhnliches. Weltbilder wollen eindeutig formuliert und unnachgiebig verbreitet werden, für Kompromisse und Gegenargumente bleibt wenig Platz.

Während das Hashtag-System aber zumindest theoretisch die gesamte Bandbreite an Meinungen und Emotionen abbildet, entsteht durch den personalisierten Ansatz von Facebook noch ein weiteres Problem.
Die wenigsten Nutzer können sich davon wohl freisprechen: man folgt, wen oder was man mag. Weitestgehend neutrale Nachrichtenportale haben es so schwerer, sich durchzusetzen und die die meist sogar konträr zur eigenen Einstellung sind, werden beinahe nie geliked. Schließlich ist es nicht gerade verlockend, mit dem eigenen Klarnamen „gefällt mir“ zu Medien zu sagen, die teils oder völlig gegensätzlich zum eigenen Weltbild sind. Unterstützt man so nicht den „Gegner“? Was sollen denn die Freunde dazu sagen? Eben jene Freunde, die mehrheitlich vermutlich ähnliche politische und weltanschauliche Meinungen vertreten, wie man selbst. So entstehen schließlich soziale Gefüge.

Das ist alles absolut verständlich, schränkt aber auch den Nachrichtenfluss „von der anderen Seite“ merklich ein und funktioniert eben andersrum genauso. Da kann man noch so oft auf den Punkt gebrachte Beiträge teilen und messerscharfe Kommentare liken: erreicht werden so vor allem die Menschen, die sowieso eine ähnliche Meinung vertreten. Der zu erwartende Zuspruch mag dann das eigene Ego streicheln, aber letztendlich findet nach wie vor kein Austausch statt und jeder lebt weiterhin in seiner Filterblase, die sorgsam „gut und böse“ unterscheidet, das Bekannte reinlässt und Gegenargumente draußen hält.

Fazit

Eine Besserung ist hier nicht in Sicht: zum einen weil in einer immer schnelleren Welt kaum mehr Platz für mehr als „News to go“ ist, zum anderen da das gesamte Twitter-System eben auf dem 140-Zeichen-Limit basiert und Facebook durch seinen Algorithmus den oft einseitigen Zugang zu Informationen aktiv unterstützt. Der Nutzer soll eben ein möglichst persönliches und personalisiertes Nutzungserlebnis haben. Da muss die Ausgewogenheit im Zweifelsfall auf der Strecke bleiben.

Nun wäre es aber auch mehr als wohlfeil, die Verantwortung einzig bei den sozialen Medien selbst zu suchen. Die Möglichkeit an Informationen aus mannigfaltigen Quellen zu gelangen, ist schließlich so groß wie noch nie. Auch und nicht zuletzt genau durch die sozialen Netzwerke. So wäre eigentlich auch das Problem der Fake News und Social Bots deutlich geringer, schließlich können die meisten Meldungen bei Interesse relativ leicht überprüft werden. Man müsste eben „nur“ weiter suchen. Ob man die Zeit dafür hat oder sie sich dafür nimmt, steht dann eben auf einem anderen Blatt. (Mal abgesehen davon, dass einige Menschen offenbar ganz froh sind, wenn ihre eigenen Vorbehalte, Ahnungen und Meinungen durch die Nachrichten gestützt werden, ob sie nun stimmen oder nicht.) Empfehlenswert wäre es allemal. Nicht nur vor Wahlen.

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